Aktuelles

Blizzard Ski
Bock auf Tirol

Diese Berghütte dürfte es eigentlich gar nicht geben

Montag, den 25. Januar 2016

Erich Pichler bewirtschaftet die höchstgelegene Schutzhütte Südtirols. Er muss Klos putzen,
mit Brennholz heizen und Löcher in den Schnee buddeln. Ein Kraftakt

In den letzten Minuten ihrer gemeinsamen Zeit hatte sich das " Becherhaus " in ein
Gefängnis verwandelt. Das Feuer im Herd war erloschen. Kälte zog durch die
Ritzen der Jalousien.
Das Gletscherwasser, immerhin, hatte sich an diesem Tag noch ein letztes Mal
durch die Spülmaschine jagen lassen, ohne in den Leitungen dorthin sofort zu
gefrieren.
Erich Pichler saß in der Küche des Becherhauses und wartete. Als er das Rotieren
der Hubschrauberflügel näher kommen hörte, sagt Erich Pichler, ließ er das Haus
los. Im Nachhinein muss man sagen: Das Haus ihn nicht. Drei Jahre sind seitdem
vergangen. Erich Pichler ist wieder oben. Unten im Tal sagen sie: "Erich, du bist
verrückt."

Um fünf Uhr morgens klingeln drei Wecker gleichzeitig. Als erstes schürt Erich den
Ofen an, legt Holz in den Herd. Die Zahl der Gäste hat er ständig im Kopf. Reichen
die Brotvorräte? In welchem Lager sind noch Schlafplätze frei? Es ist, als würde
hinter seiner Stirn eine Rechenmaschine rattern.
Sein Blick ist meist ernst. Wenn er lacht, bilden sich um Mund und Wangen schelmische Grübchen.
Gestern hat er vor dem Schlafengehen einer Gruppe Wanderer geraten, besser um halb sieben als um sieben aufzustehen. "Warum?", fragten die. Erich: "Damit ich was zu tun hab."

Erich Pichler pachtet die höchste Schutzhütte Südtirols. Die Natur auf dieser Höhe ist rau.
Der Gletscher, den man auf dem Weg zum Becherhaus queren muss, trägt den Furcht
einflößenden Namen "Übeltalferner". Die letzten Meter hoch zum Haus sind die
anstrengendsten: Steinstufen ohne Ende, steil in den Felsgrat gehauen. Oben wartet der
drahtige Erich. Sonnenbrille, Fernglas um den Hals, tiefbraune Haut. Jeden Gast begrüßt er mit Handschlag. Ende Juni hat er das Becherhaus für diese Saison eröffnet. Während unten im Tal die Sommersonne wärmt, kann es gut sein, dass oben noch Schnee liegt.

Wegen der schwierigen Witterungsverhältnisse hat das Becherhaus stets nur in den Sommermonaten geöffnet. 13 Zimmer, vier Lager, hundert Personen finden in der Hütte Schutz.
Auf den Postkarten, die Erich hat anfertigen lassen, ist eine dreistöckige, mit Lärchenholz
vertäfelte Hütte zu sehen. Ihr Fundament krallt sich in das Gipfelplateau eines becherförmigen Felsens. Auf dem Postkartenbild ragt das Haus wie eine Festung aus einem Nebelmeer hervor.
"Wolkenschloss Südtirols" hat Erich über das Motiv schreiben lassen.

Drei Monate lang, von Juli bis September, bewirtschaftet er das Becherhaus. Letztes
Jahr hat er zum ersten Mal eine Köchin eingestellt, damit er die Familie öfters
besuchen kann. Außerdem helfen Siegrid und Holger oben aus.
Bis zur Geburt der zweiten Tochter bewirtschaftete Erich die Hütte seit 2001
zusammen mit seiner Frau. Wegen ihr und der Kinder, die ihre ersten Gehversuche nicht
direkt auf einem Felsplateau machen sollten, hatte Erich vor drei Jahren die Pacht des
Becherhauses aufgegeben.

2009 mietete Erich den "Pfandlerhof" mitten in St. Martin. Perfekt für den Familienbetrieb.
Aber: "Wenn du dich nicht wohl fühlst, fühlst du dich nicht wohl", sagt Erich heute. Er wollte
kein Gastwirt sein. Erich wollte zurück nach oben.

Auch deshalb, weil sich kein neuer Pächter für das Becherhaus fand. Wer im Wolkenschloss arbeitet, muss aus Sonnenlicht Energie gewinnen und mit Brennholz kochen. Er muss vier Meter tiefe Löcher in
den Schnee buddeln, um die Wasserpumpe frei zu legen.

2009 stand das Becherhaus ein Jahr lang leer. Und Erich schmerzte es in der Brust. Er konnte die Hütte kein weiteres Jahr alleine lassen.

Gebaut wurde sie 1894. Zur Gründerzeit der Hütte gehörte Südtirol noch zu
Österreich. Damals bekam das Haus den Namen "Kaiserin Elisabeth Schutzhaus".
Ein Trick, damit die Hütte gebaut werden durfte.

Genau genommen ist das Becherhaus das Resultat eines größenwahnsinnigen
Wettkampfes um die höchste Schutzhütte in den Ostalpen. Das Haus ist keine
alpinistische Notwendigkeit – schließlich gab es schon die Müllerhütte, ein
Schutzhaus, das auch heute noch am Fuße des Becherfelsens steht und ebenfalls
bewirtschaftet wird.

"Um gerade mal 40 Minuten Fußmarsch weiter oben eine zweite Hütte errichten zu
dürfen, kam man auf die Idee, die Schirmherrschaft für den aufwendigen Bau an
oberster Stelle anzusiedeln", erzählt Erich. Sisi hatte ihren Besuch 1898 schon
angekündigt – als sie eine Woche vor dem geplanten Aufstieg ermordet wurde.

Für Bergtouren auf die Gipfel der Übeltalferner-Runde bietet die Müllerhütte die bessere Ausgangslage. Das Becherhaus punktet mit symbolischem Wert. Wie es dort oben auf dem Felsen thront. Eine Art Denkmal für die Freiheitsliebe der Südtiroler. In der Stube hängt ein Ölgemälde, das den Südtiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer zeigt. Erich ist einer seiner Nachfahren.

Am Mittag, wenn die Übernachtungsgäste alle aufgebrochen und die Neuen noch nicht angekommen sind, kehrt Stille im Haus ein. Man kann dann die Wanduhr durch die ganze Stube ticken hören.

Das Wetter verhagelt das Geschäft

Aber am Tisch sitzen und die Stille genießen – das ist Erichs Sache nicht. Lieber schippt er draußen Schnee, säubert die Solaranlagen und telefoniert. Mit dem Wetterdienst in Bozen und den Übernachtungsgästen auf seiner Reservierungsliste.

Wenn für die nächsten Stunden Nebel und Schnee angesagt sind, hagelt es Absagen. "Das Schlimmste ist, wenn vier Tage niemand kommt."

Erich hat dann hohe Fixkosten, aber keine Kundschaft. Der Helikopter zur Belieferung der Hütte mit Lebensmitteln ist teuer. Die Preise für Übernachtung und Verpflegung darf Erich nicht selber bestimmen. Sie werden vom italienischen Alpenverein vorgegeben.

Ein halber Liter Bier kostet 4,50 Euro, eine Portion Nudeln 6,50 Euro. Die Flasche Mineralwasser für 1,80 Euro ist fern von der Zivilisation auf einem Felsvorsprung in den Stubaier Alpen günstiger als unten in einem Café im Tal. Dann kommt noch die Pacht dazu. Und zum Schluss das Wetter.

Erich sagt: "Jeder Südtiroler sollte einmal in seinem Leben auf dem Becherhaus gewesen sein." Er blickt aus dem Fenster nach draußen in den Nebel: "Dann würde meine Kalkulation jedenfalls aufgehen." Das Becherhaus ist ein Südtiroler Kronjuwel, aber eben keine Schatztruhe voller Goldstücke.

Dabei braucht Erich nicht viel zum Leben. Sein karg eingerichtetes Zimmer im Becherhaus teilt er sich mit einem Mitarbeiter. Der einzige Luxusgegenstand darin ist ein kleiner Heizlüfter.

Es ist ein schlichter, holzvertäfelter Raum mit einem Bergpanorama aus Öl über dem Bett. Besitztümer sind ihm nicht wichtig. Sein Auto steht unten an der Timmelsalm. Der Schlüssel steckt noch.

Am Ende des stürmischen Tages haben sich immerhin sechs neue Gäste oben auf der Hütte eingefunden. Während sie Kassler mit Kartoffeln und als Vorspeise Risotto essen, hat sich Erich gerade mit seinen drei Mitarbeitern in der Küche vor dem kleinen Fernseher versammelt, als draußen die Nebelwand plötzlich verfliegt.

Bester Blick auf das Alpenpanorama

Das gemeinsame Studieren der Wettervorhersage um 18.30 Uhr ist ein kleines Ritual, jetzt aber treibt Erich alle nach draußen. Es dämmert schon, Berggipfel leuchten von Ferne dunkelrot und lila. Nach Norden hin ist der Blick vom Becherhaus durch den Wilden Freiger etwas eingeengt.

Ansonsten liegt das ganze Alpenpanorama frei. Im Südosten die Dolomiten, die Sella, die Geislerspitzen, deren Zacken in den leicht rauchigen Himmel ragen. Bergkette hinter Bergkette. Unten im Tal kleine Lichtpunkte.

In solchen Momenten sagt Erich: "Das ist der Überwahnsinn. Es gibt Bilder, die kann man ein Leben lang abspeichern." Dort oben, im Wolkenschloss Südtirols. Das Erich mit solchen Momenten den Verstand geraubt hat.

Ein Bergsteiger, der seinen Besuch im Gästebuch verewigt hat, sagt: "Eigentlich sollte der Erich keine Pacht zahlen müssen, sondern Geld dafür bekommen, dass er den Job hier oben macht." Um Geld geht es Erich nicht. "Es geht mir immer nur ums Haus", sagt er.

Foto: Suedtirol Marketing GmbH/www.smg.bz.it

Kategorie: Hütte