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Ein Wochenende als Hüttenwirt

Freitag, den 19. Februar 2016

Die Maighelshütte in Graubünden liegt 2300 Meter hoch - ein abgeschiedener Ort, im Winter nur auf Skiern zu erreichen. Was für Urlauber romantisch klingt, ist für die Betreiber ein ungeheurer Kraftakt.

Mein Abschied von der Zivilisation droht schon zu scheitern, bevor er richtig begonnen hat. Seit anderthalb Stunden quäle ich mich mit den Tourenskiern durch den Tiefschnee. Es ist bitterkalt, aber ich schwitze wie im Hochsommer. Mein Herz rast. Ich kann nicht mehr. "Haben wir es bald geschafft?", rufe ich Pia zu, die ein paar Hundert Meter über mir ihre Skier entspannt den Hang hinaufschiebt. Ihre Antwort nimmt mir das letzte bisschen Motivation: "Bald", ruft Pia zurück, "bald haben wir die Hälfte hinter uns."

Pia ist Hüttenwirtin in der Schweiz, seit 20 Jahren bewirtschaftet die 59-Jährige zusammen mit ihrem Mann Bruno die Maighelshütte auf einem Ausläufer des Piz Cavradi. An diesem Wochenende erwartet sie ein volles Haus: 90 Übernachtungsgäste, die bekocht und mit Getränken versorgt werden wollen. Allein ist das selbst für das eingespielte Team Pia und Bruno nicht zu schaffen. Die beiden haben deshalb eine Aushilfe gesucht - und mich bekommen.

In den Wintermonaten ist das Haus auf 2300 Metern über dem Meeresspiegel nur mit Tourenskiern zu erreichen. Für geübte Tourengeher ist der Aufstieg vom Graubündner Oberalppass ein Klacks - und meist nur die erste Etappe einer langen Tiefschneewanderung. Anderthalb Stunden veranschlagt der Schweizer Alpen-Club für den verschneiten Weg. Als Skitourenneuling brauche ich doppelt so lange. Doch die Anstrengung wird mit einem grandiosen Anblick belohnt: Die aus Stein gemauerte Hütte steht einsam inmitten eines breiten Hochtals, ringsherum ragen die Gipfel von Pazolastock, Piz Badus, Piz Borel, Piz Ravetsch, Piz Alv und Piz Cavradi in den Himmel. Nur ein paar Spuren im tiefen Schnee verraten, dass dieser Ort von Menschen nicht völlig verlassen ist.

In der Hütte zeigt mir Pia, wo ich in den nächsten Tagen den Großteil meiner Zeit verbringen werde: in der Küche. Die moderne Edelstahl-Einrichtung glänzt in einem schummrigen Licht. Aus der Gaststube ist der Kommentator eines Skirennens zu hören. Durch die Luft wabert der Geruch eines Aprikosenkuchens, den Pia schon am Morgen gebacken hat. "Fruchtwähe" nennen die Schweizer das Gebäck, das am Nachmittag zur Kaffeepause der Renner bei den Gästen sein soll. Es wird nicht die letzte Vokabel sein, die ich hier oben lerne.

"Grüezi!", begrüße ich freundlich den ersten Gast - eine halbe Stunde Zeit zur Erholung hat mir Pia gegeben, bevor sie mich zum Dienst an der Getränketheke einteilte. Mein Schwyzerdütsch klingt wohl ähnlich unbeholfen, wie die Versuche von DJ Bobo, hochdeutsch zu sprechen. Auch umgekehrt erscheinen die sprachlichen Barrieren kaum überwindbar. "Einen Kübel", bestellt ein Gast. Wie bitte? Ich sehe ihn hilflos an. Er hat Mitleid und übersetzt: "Ein großes Bier." Ich muss an ein altes Zitat von Max Frisch denken: "Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen." Wenn Frisch recht hat, dann bin ich hier ganz sicher nicht zu Hause. Ich gebe trotzdem mein Bestes. Nach ein paar Stunden weiß ich immerhin, dass ein "Herrgöttli" ein 0,2er-Glas Bier ist, eine "Stange" 0,3 und besagter "Kübel" ein halber Liter. Ich wäre sogar vorbereitet gewesen, hätte jemand ein "Rhäzünser" (Mineralwasser), einen "Bündner Röteli" (Likör) oder einen "Sauser" (Federweißer) bestellt. Doch dazu kommt es nicht. Nur der mir bis dahin unbekannte "Schümli-Pflümli" (Kaffee mit Pflaumenschnaps) erfreut sich überraschenderweise einer hohen Nachfrage.

Ausgelassene Hüttengaudi kommt dennoch nicht auf. Die meisten Gäste belassen es bei einem alkoholischen Getränk - sie kommen für den Sport auf den Berg, nicht für die Party. Die meisten wollen am nächsten Tag frühmorgens auf den Gipfel und hören deshalb auch lieber das Lokalradio mit dem stündlichen Wetterbericht, anstatt noch spät in der Nacht zu Après-Ski-Hits zu schunkeln. Es wird schnell ruhig in der Stube, viele Gäste sind heute ohnehin nicht da, der große Ansturm wird erst morgen kommen - wie fast an jedem Samstag in der Wintersaison. Zum Abendessen kocht Pia ein paar Portionen Käsespätzle. Nachdem die Gäste satt sind, essen wir, was übrig bleibt.

Bereits um 22 Uhr sind Bruno und ich die letzten, die noch wach sind. Ich habe ihn den ganzen Tag über kaum gesehen, die meiste Zeit war er in der Werkstatt und hat irgendetwas gebastelt, über das er aber erst sprechen will, wenn es fertig ist. Pia nennt ihn einen "fast genialen Erfinder". Viele seiner Ideen haben das Leben auf der Hütte in den vergangenen Jahren einfacher gemacht - zum Beispiel eine Schiebetür, die aufgrund angehängter Gewichte automatisch schließen kann und so dafür sorgt, dass so wenig Wärme wie möglich die Stube verlässt.

Bruno und ich gehen nach draußen, der Sternenhimmel ist die einzige Lichtquelle weit und breit. Wir starren auf die Silhouetten der Gebirgszüge und beobachten die Schweizer Nationalflagge, die an einem Mast ein paar Meter vom Haus entfernt im Wind weht. Ich frage Bruno, was Patriotismus für ihn bedeutet. Er denkt kurz nach. "Demut", sagt er dann, "Demut vor der Natur, vor den Bergen und dem Schnee." Wer sein Vaterland liebe, müsse alles daransetzen, die Schönheit dieses Ortes auch für kommende Generationen zu erhalten. "Manchmal aber glaube ich, dass es dafür schon zu spät ist." Jedes Jahr misst Bruno die Schneehöhe. Von Jahr zu Jahr wird sie weniger. Der Klimawandel ist für den leidenschaftlichen Bergführer keine theoretische Dimension, sondern längst Praxis. "Ich kann hier zusehen, wie die Gletscher schmelzen." Ein paar Minuten stehen wir noch schweigend in der Kälte, dann gehen wir ins Bett. Es wird ein langer Tag - der schon früh beginnt.

Damit nichts durcheinanderkommt, muss der Zeitplan sitzen: 5.30 Uhr aufstehen, duschen, rasieren, 6 Uhr Frühstückstische decken, 6.30 Uhr Brot schneiden und Kaffee kochen, um 7 Uhr kommen die Gäste, um acht wird schon wieder abgeräumt, dann kurze Zeit für das Personalfrühstück, bevor der unangenehmste Teil im Leben eines Hüttenwirtpraktikanten beginnt: das Putzen. Mit Wischmopp in der Hand betrete ich zum ersten Mal eines der Zimmer, in denen die Übernachtungsgäste untergebracht sind. Über 20 Personen kommen in dem Raum unter. Es ist eng, nur wenige Zentimeter trennen eine Matratze von der nächsten. Die Luft ist abgestanden und riecht nach Schweißfüßen. Es gibt nur wenige Duschen in der Hütte und meistens auch kein warmes Wasser - darunter kann die Körperhygiene schon mal leiden. Nur das Haus muss jeden Tag sauber sein, darauf legt Pia großen Wert.

Am frühen Nachmittag habe ich erstmals Zeit für eine Pause. Pia sitzt in der Küche und beantwortet Buchungsanfragen per E-Mail. Dass hier oben in der Wildnis Internet funktioniert, halte ich für ein technisches Wunder. So modern war die Infrastruktur auf der Maighelshütte aber nicht immer: Jahrelang war sie nur eine spartanisch eingerichtete Baracke, die Soldaten Schutz bieten sollte. Erst als der Schweizer Alpen-Club die Hütte in den 70er-Jahren übernahm, wurde sie mit Annehmlichkeiten wie einer eigenen Wasserleitung ausgestattet, die die Maighelshütte für die Touristenbewirtung attraktiv machten.

Dennoch war die Hütte in keinem guten Zustand, als sie von Pia und Bruno gepachtet wurde. "Wir mussten hier viel investieren", sagt Pia. Nach kleineren Startschwierigkeiten in den ersten Jahren laufen die Geschäfte nun aber gut. Saubere Schlafplätze und frisches Essen - das scheint die Gäste zu überzeugen. "In meiner Stube wird jeder satt", sagt Pia, und ich glaube ihr aufs Wort, sobald ich den Speiseplan für heute Abend sehe.

Von den Mengen, die Pia auftischen will, könnte ich mich wohl über ein Vierteljahr lang ernähren: 50 Liter Hafer-Curry-Suppe gibt es allein für die Vorspeise. Als Hauptgang wollen wir Nudeln mit Gemüse servieren. Man nehme: zehn Kilo Penne, 18 Kilo geschälte Tomaten, zwei Auberginen, jeweils drei Paprika und Zucchini, anderthalb Kilo Speck und zwei Kilo Reibekäse. Dazu als Beilage zehn Köpfe Chinakohl und acht Eisbergsalate. In Pias Küche wird geklotzt. Dass trotzdem auch gekleckert wird, merken wir spätestens hinterher beim Saubermachen.

Die Essenausgabe funktioniert reibungslos. Pia füllt die Teller, ich serviere, Bruno kümmert sich um die Getränke. Wer Nachschlag will, bekommt so viel er möchte. Nur ein Glas geht mir zu Bruch. Ich bin zufrieden. Als ich ins Bett gehe, bin ich 17 Stunden auf den Beinen gewesen. Die Glieder schmerzen und der Rücken auch. Viel Zeit für Erholung bleibt nicht: Schon morgen früh muss ich wieder zurück ins Tal.

Wie es sich bei einem Praktikum gehört, ist am letzten Tag Zeit für die Abrechnung. Wie habe ich mich geschlagen? War ich Pia und Bruno wirklich eine Hilfe, oder habe ich den beiden mehr Arbeit gemacht, als ich ihnen abnehmen konnte? Pia will darauf Antworten geben und schreibt mir ein Arbeitszeugnis. "Mathias hat großen Einsatz gezeigt", steht da. Das klingt schon fast nach der vernichtenden Standardformulierung "Er hat sich seinen Möglichkeiten entsprechend stets bemüht". Aber Pia zeigt sich doch noch gnädig: "Mathias ist offen auf die Gäste zugegangen, war mit großer Freude bei der Arbeit und war uns eine gute Hilfe." Das klingt schon besser. Für einen kurzen Moment beginne ich, eine künftige Karriere als Hüttenwirt ernsthaft in Betracht zu ziehen. Doch dann lese ich den Satz in meinem Praktikumszeugnis, der mir in der Wintersportbranche wohl sämtliche Berufschancen verbaut: "Ski-technisch war er sowohl im Auf- als auch im Abstieg komplett überfordert." Autsch. So schnell platzt der Traum, irgendwann in Pias und Brunos Fußstapfen zu treten. Zum Abschluss gibt sie mir immerhin etwas Trost mit auf den Weg: "Er hat sich wacker durchgekämpft."

(Quelle: Mathias Peer)


Kategorie: Hütte